Der Mikroskopiker des modernen Lebens. Alexandre Yersin als Flaneur in Paris um 1890 – J. Andrew Mendelsohn

Alexandre Yersin, der Entdecker des Pesterregers, wird bei seinen Forschungen am Institut Louis Pasteur in Paris von einem Lebensgefühl und -stil geleitet, der sich aus der Malerei und der Literatur in die naturwissenschaftliche Arbeit überträgt und diese in ihrer Methodik entscheidend mitprägt. Der Medizinhistoriker J. Andrew Mendelsohn vollzieht die körperlichen und geistigen Bewegungen Yersins am Ende des 19. Jhdt.s nach. Als Yersin 1885 zum Medizinstudium nach Paris kommt und später im Institut Pasteurs zu arbeiten beginnt, entdeckt die Bakteriologie die Menschenmassen der Großstadt gerade als Untersuchungsgegenstand. Die Großstadt allgemein und Paris im Besonderen bringt eine neue Art von Wissenschaftler hervor, den Beobachter, der als „flaneur“, dandyhaft mit Zylinder auf dem Kopf, die sich selbst beobachtende Metropole verkörpert. Die Figur des Flaneurs wird zunächst von Malern und Literaten erfunden und verkörpert, die beobachten, um ihre Beobachtungen in realistische Kunst umzuwandeln. In der Malerei sind hier die Impressionisten (etwa Monet und Manet), in der Literatur realistische Schriftsteller wie Émile Zola, die sich aus den Archiven an die Stadtluft begeben, als stilbildende Elemente zu nennen. Diese Stilrichtung des „plein air“ (etwa: „draußen“) übernimmt Yersins Lehrer Paul Émile Roux für seine „bactériologie en plein air“, eine Art „Feldbakteriologie“. Die Bakteriologie wird in Paris, wie auch in anderen Großstädten, von der Struktur der Stadt beeinflusst. In New York mit seinen gitternetzartig angeordneten Straßen werden Probenbehälter bei ortsansässigen Apothekern verteilt und abgeholt, die Bakteriologen in Paris folgen den Patienten in die Vorstädte und aufs Land. Alexandre Yersin untersucht Diphteriefälle bei Kindern, denen er nach ihrer Genesung nach Hause folgt um dort Proben von der ganzen Familie zu nehmen. Die „Verfolgung“ der Krankheitsfälle nimmt so neben dem medizinischen auch einen polizeilichen, kriminalistischen Charakter an. In Yersins Tagebüchern vermischen sich dann realistische Beschreibungen der Arbeiterfamilien mit eindeutig aus Victor Hugos „les miserables“ stammenden Elementen.
Die Kunst des „Fin de Siècle“, des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jhdt.s beeinflusst Alexandre Yersin und seine Zeitgenossen gerade in Paris stark und gibt Denkanstöße für bakteriologische Untersuchungsmethoden. Dabei wirkt sowohl auf die Kunst als auch auf die Naturwissenschaften die Großstadt als neuer Lebensraum mit den durch sie geprägten Lebens- und Arbeitsmodellen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *.

X

Wörterbuch der Hygieneaufklärung

Artikel in Großansicht